17.4.07

Himmel und Hölle

Wie ich ja bereits in meiner kurzen Zwischenmeldung andeutete, wenn Kurokawa Onsen der Himmel war, dann ist Beppu ziemlich nahe an der Hölle. Das war schon auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel festzustellen, ein Pachinkoladen neben dem anderen, was laut Martin ein gutes Indiz dafür ist, wie schlimm es um eine Ortschaft steht. Im Hotel angekommen konnten wir auch gleich wieder auf's Zimmer. Wieder ein Tatamiraum, mit viel Platz zwar und den üblichen Annehmlichkeiten (Klo und Bad im Zimmer, Minibar, Fernseher, Yukata (non-Gaijin-Size), aber kein Internet), aber alles hatte einen leicht abgeschraddelten Charme, Klimaanlage und Kühlschrank waren sicherlich noch aus den frühen Achtzigern.

Also gleich mal raus aus dem Hotel und sich ein paar Beppu'sche Sehenswürdigkeiten angesehen. Beppu ist vor allem ein Badeort, schon bei der Ankunft am Bahnhof sieht man überall Dampfsäulen aufsteigen. Bekannt ist Beppu auch für seine "Jigoku" (das buddhistische Equivalent der Hölle), wo sich die Aktivitäten der Erdwärme in verschiedenen Formen zeigt. Schon mein Reiseführer warnt, dass nur maximal 3 der insgesamt 9 "Höllen" wirklich einen Besuch wert seien. Mit dem Bus machten wir uns auf ins Zentrum dieser Ansammlung von "Höllen". Kaum dort angekommen, fing es auch schon wieder an zu regnen, wie passend für diesen Ort. Klugerweise hatten wir diesmal auch unsere Regenschirme eingepackt.

Da dieser Ort natürlich touristisch bestens erschlossen ist, ist auch der Weg zu den Höllen gut ausgeschildert. Unser erstes Ziel war die "Umi Jigoku", die Meereshölle. Zum Glück hatte es mittlerweile aufgehört zu regnen. Die Hauptattraktion ist ein relativ kleiner, dafür aber 120 Meter tiefer, kobaltblauer See, dessen Wasser eine Temperatur von 90°C hat. Genug um darin Eier zu kochen.

Der See ist umgeben von einem relativ schönem Garten, ein kleiner Schrein steht auch dort... ach ja, und es riecht mehr oder weniger stark nach Schwefel. Ebenfalls auf dem Gelände gibt es ein kleines Becken, in dem man seine Beine zur Entspannung baden kann. Hab ich, trotz des etwas anstrengenden Geruchs, auch einmal ausprobiert.

Die nächste Hölle auf unserer Liste war die "Bouzu Jigoku" (Bouzu sind buddistische Mönche mit Glatze). Hauptattraktion dort war Schlamm, ständig blubbernder Schlamm, dem man nicht wirklich zu nahe kommen möchte. Trotz der ganz netten Lage relativ unspektakulär. Übrigens bezahlt man für jede der Höllen 400 Yen Eintritt. Man kann sich zwar auch einen Pass für alle Höllen für 2100 Yen holen, aber man kann sich ja ausrechnen, dass sich das erst lohnt, wenn man wirklich alle besucht.

Als wir die "Bouzu Jigoku" verließen, wurde hinter uns auch gleich das Tor geschlossen. Es war 17 Uhr, und in Kannawa Onsen (der Teil Beppus, wo der Großteil der Höllen angesiedelt ist) klappte die Bürgersteige hoch. Passend dazu fing es natürlich auch wieder an zu regnen. Glücklicherweise erwischten wir auch gleich einen Bus zurück ins Zentrum. Allerdings erwischten diesen Bus auch ein gutes Dutzend französischer Austauschstudenten (vermutlich) womit es im Bus nicht nur voll, sondern auch (für uns mittlerweile fast ungewohnt) laut war.

Wieder im Zentrum Beppus angekommen, wollten wir mal sehen, wo dort was los war. Und mussten feststellen: es gab nichts zu finden. Vor allem: es war so gut wie niemand da, die meiste Zeit wirkten die Straßen und Geschäfte wie ausgestorben. Im örtlichen Kaufhaus (das mit einer Namco-Spielhalle voll von altertümlichen Automaten noch das aufregendste Angebot hatte) erlebten wir dann die nächste Überraschung. Um 19 Uhr wurden die geehrten Kunden gebeten das Geschäft zu verlassen - jetzt wäre Feierabend! Das wäre ja selbst bei uns ein Ding, an einem Wochentag.

Bei der anschließenden Suche nach etwas zu Essen folgten weitere Ernüchterungen, entweder waren die Restaurants geschlossen, wirkten nicht einladend oder die Köche sassen gelangweilt da und lasen Zeitung. Wir setzten uns am Ende einfach in ein Ramenrestaurant, in dem wenigstens ein paar Leute sassen. Irgendwas scheinen wir falsch gemacht zu haben, wo sind die Bewohner Beppus?

Mittlerweile hatten wir schon fast die Vermutung, das die Wagen, die nonstop durch die Stadt fuhren keine Wahlwerbung machten (was sie auch tatsächlich machten, von morgens Sonnenaufgang bis in die Nacht, immer weiter seinen Namen nennen und sich schon mal für die Stimme bedanken, ach, und winken) sondern eine Warndurchsage machten "Achtung, zwei komische Typen kommen in die Stadt, bitte flüchten sie sofort in die Berge!".

Nach dem Essen holten wir uns im Konbini noch Abendunterhaltung (Alkohol, Chips und Pr0n) und kehrten wieder zum Hotel zurück. Vor dem vor-dem-Fernseher-versumpfen probierten wir noch das Open-Air-Bad auf dem Dach des Hotels aus. Als ich dort hoch ging, bekam ich wegen des starken Winds die Tür kaum auf... es regnete leicht, es war ziemlich kalt, da oben nackt rumzuturnen. Aber im Bad war es dann seeehr angenehm. Kurz nachdem ich mich ins Bad gesetzt hatte, gesellten sich drei japanische Herren mit dazu. Natürlich folgte wieder ein wenig Small Talk, wobei sich herausstellte, dass einer der Herren vor 30 Jahren mit dem Motorrad durch Ostdeutschland gefahren war. Was ihn dorthin getrieben hatte, konnte ich allerdings nicht in Erfahrung bringen.

Entspannt vom Bad ging es zurück ins Zimmer, zu Chu-Hi, Chips und einer unterhaltsamen Sendung namens "Do you speak English?", bei dem ein paar Japaner ihre Englischkenntnisse beweisen durften. Wie zu erwarten, mit amüsanten Resultaten.

Danach schlafen und nach dem Aufstehen: bloss schnell weg hier. Irgendwie wollte Beppu uns wohl nicht wirklich. Und wir dementsprechend Beppu auch nicht. Jetzt sitzen wir im Zug (endlich auch mal wieder in einem Shinkansen) und sind auf dem Weg nach Takamatsu. Immerhin: da war ich schon mal, das kenn ich schon einigermassen...

1 Kommentar:

Teng hat gesagt…

endlich wieder neue posts. wie immer sehr unterhaltsam und richtig gemütliche atmosphäre verbreitend. regen, kochender schlamm, dazu am besten noch eine ordentliche black-metal-scheibe. black lava! das is doch was.

ach ja: ich will auch!!!